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Keine Sekunde verschwendet

FOS/BOS, 10.04.2014, 19.30 Uhr

06_FOSBOS_Zeitlos-1Werden Sie Herr über die Zeit – mit diesem und anderen Slogans ködert die smarte Referentin Stroll  – perfekt verkörpert von Katharina Seifert – ihre Kunden. Schon beim Betreten des Spielorts wird der Zuschauer von Plakaten begrüßt: „Werden Sie effizienter“ und „Nur wer perfekt organisiert ist, ist auch erfolgreich“. Und die gläubige Gemeinde der Teilnehmer des Effizienzseminars unterwirft sich willig der Forderung nach totaler Kontrolle und Selbstdisziplin. Mit dabei sind unter anderem: Der junge Unternehmer, der die Anordnungen an seine Untergebenen genauso energisch ausspeit, wie er vor der Seminarleiterin buckelt und kriecht – und das später auch im Wortsinn. Mit vollem körperlichem Einsatz und sehr expressiv: Dennis Altenhof. Die Hausfrau, die sich auf ihren beruflichen Wiedereinstieg vorbereitet und glaubt, sich deswegen den seltsamen Ritualen zur Zeitplanung und Effizienz unterwerfen zu müssen. Susanne Luber spielt die Furcht, den Anschluss an eine vermeintlich moderne Arbeitswelt zu verlieren, und den zunehmenden Orientierungsverlust in dieser schönen neuen Welt sehr schön aus. Der Journalist, dessen Redaktionsarbeit während des Seminars gnadenlos weiterläuft. Lorenz Feja gestaltet mit viel Einfühlungsvermögen einen Menschen, der sein Bestes geben will und dabei vom Zeitdruck immer mehr zerrieben wird.

06_FOSBOS_Zeitlos-2Eine dramatische Wende bekommt das Seminar, als ein starker Sonnensturm die Stromversorgung nebst Schließanlage lahmlegt. Keiner kann das Seminar mehr verlassen, die Präsentationstechnik funktioniert nicht mehr und alle Mobiltelefone sind zerstört. Was  die Teilnehmerin Natascha Rübe (wunderbar glaubwürdig als Facebook- und Twitterjunkie: Julia Tontch) in die völlige Verzweiflung treibt. Denn ohne dauernden digitalen Kontakt wird sie zum Aussätzigen in der Welt der sozialen Netze. Selbst die Beziehung zu ihrem Freund droht ohne minütliche Botschaften binnen kürzester Zeit zu zerbrechen.
Aber natürlich ist eine perfekte Zeitplanerin jederzeit in der Lage, unvorhergesehene Ereignisse zu integrieren. Auch den Ausfall aller Uhren. Und so fordert die Seminarleiterin, ein „Zeiterfassungsgerät“ zu konstruieren – in 7 Minuten 30 Sekunden. Eifrig gehen die Teilnehmer ans Werk und basteln aus Flaschen und Blumenständern eine Wasseruhr – eine gelungene Persiflage auf die beliebten Assessment-Center-Aufträge.
Doch die eigentlichen Schwierigkeiten, die der Stromausfall verursacht, werden so natürlich nicht behoben – auch nicht durch die Phrase der Referentin, es gebe nur Lösungen, keine Probleme. Jetzt ist es an ihr, an der realen Welt zu verzweifeln – und es schlägt die große Stunde ihrer Mitarbeiterin. Sie hat die Sprüche ihrer Chefin so verinnerlicht, dass sie sie selbst in den aberwitzigsten Situationen noch herunterbeten kann. Und jetzt sogar ihre Chefin damit wieder auf den Pfad der Erleuchtung – Verzeihung – Effizienz zurückbringt. Die fanatische Sekretärin wird von Michaela Ermold großartig verkörpert. In ihrem dogmatischen Glauben an die erhellenden Weisheiten ihrer Chefin könnte man die Rolle fast als Psychogramm eines Sektenmitglieds deuten.

06_FOSBOS_Zeitlos-3Und niemand da, der den Irrsinn durchschaut? Doch. Denn der alte Hausmeister wundert sich schon zu Beginn über die überall plakatierten Slogans. Verliert auch beim völligen Stromausfall nie die Ruhe. Löst Probleme nicht durch wohlklingende Managementsprüche. Sondern mit seinem Werkzeugkasten. Bietet echte Lebensphilosophie. Und seine alte Aufzieh-Uhr ist von keinem Sonnensturm zu beeindrucken.
Aber auch ein Seminarteilnehmer hat von Anfang an seine Zweifel. Cool, lässig, und immer unterwegs zur nächsten Anmache bringt er Leben in die sterilen Seminarwelt, reißt irgendwann sogar die Teilnehmerin Rübe aus ihrer digitalen Verblendung und provoziert sie zu echten und direkten Lebensäußerungen. Und die Darsteller der beiden (Simon Fischer und Igor Ewert) setzen mit ihrer Spielfreude und ihrer Bühnenpräsenz komödiantische Glanzlichter an diesem sich immer mehr in surreale Szenen und absurde Komik steigernden Theaterabend. Verantwortlich für die spritzige,  temporeiche, im Timing immer perfekte Inszenierung: Die wahren Herren der Zeit, die Theaterlehrer Burkhart Häusler und Winfried Sima. Die Zuschauer, in großer Zahl erschienen, waren begeistert – und hatten an diesem Abend sicher keine Sekunde ihrer Lebenszeit verschwendet.

Christoph Schulz

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