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„Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“

[GMG, 13.05.2017] Auf der Grundlage von David Leviathans Roman „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ inszenierte die Schulspielleiterin Claudia Ried, die den Text pointiert für eine Theaterproduktion umschrieb, mit ehemaligen Schülern des Gregor-Mendel-Gymnasiums ein ein ebenso kurzweiliges wie witziges Stück in der Mensa der Schule. Das ungewöhnliche Konzept der Handlung zog das begeisterte Publikum gleich von Beginn an in seinen Bann.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Nicki liebt Daniel. Doch die ersten Begegnungen zwischen den beiden finden nur per E-Mail statt, die die Zuschauer mithilfe zweier Erzählerstimmen aus dem Off (als Daniel David Pickel; als Nicki Dorothea Niller) zu hören bekommen. Das Problem dieser Liebesgeschichte: Nicki wacht jeden Morgen in einem anderen Körper auf. Als sich die Freundschaft mit dem schriftstellerisch talentierten Daniel (auch auf der Bühne David Pickel) vertieft, kommen auch ihre neuen Identitäten aus seiner näheren Umgebung, denn sie erwacht mit Beginn des Stücks in den Körpern seiner Arbeitskollegen. Daniel, Volontär einer Zeitung, weiß davon zunächst nichts und kann sich wie alle anderen nur über das seltsame Verhalten seiner Kollegen wundern.

Je nachdem, in welcher Person Nicki erwacht, ändert sich auch das Tagesmotto, das im ansonsten bewusst einfach gehaltenen Bühnenbild durch einen überdimensionalen Kalender (gestaltet von Michael Kamann) präsentiert wird. Am ersten Montag erwacht Nicki im Körper der mit weiblichen Reizen gut bestückten Narzissa (Anna-Liri Shalsi). Das falsche Zitat dieses ersten Tages: „Heute bin ich nett.“ – Lord Voldemort. Nicki verhält sich im Körper der Chefin Narzissa ganz anders, als der Rest der Redaktion es erwartet, denn sie ist aufmerksam, höflich und umgänglich. Ähnlich setzt sie ihren Weg durch die Körper fort, immer in Daniels Nähe, dessen Aufmerksamkeit sie erlangen möchte.

So flirtet der Sportreporter Andi (Constanze Gierl) auf einmal mit dem Volontär Daniel und macht sich Gedanken um sein eigenes äußeres Erscheinungsbild, sprich Jogginghose, was eben von der schlagfertigen Kim (Antonia Schmidt) mit dem Satz der Überschrift kommentiert wird. Der ansonsten meist angetrunkene Reporter Magnus (Barbara Winkler) interessiert sich für Daniels Arbeit. Hugo, der recht unterwürfige Sekretär (Alexandra Jehlicke), rebelliert gegen die dauernd nörgelnde Chefin. Am Freitag erwacht Nicki in Daniels Körper und gewinnt einen intensiven Einblick in sein liebenswertes Wesen und sein Talent. Da sie durchaus bemerkt hat, dass Daniel Augen für die hübsche, blonde Sophie (Meike Peffer) hat, benimmt sie sich am Folgetag in deren Körper völlig daneben – frei nach dem Tagesmotto: „Heute bin ich von der Rolle“ – Klo Papier.

Es ändert sich alles, als Nicki in Kims Körper Daniel ihre Geschichte erzählt. Denn ab diesem Zeitpunkt verabreden sich beide täglich, aber Nicki eben immer im Körper einer anderen Person. Das führt in der zweiten Hälfte des Stücks zu grotesken, aber auch nachdenklichen Szenen, weil sich damit die Frage stellt, wie viel Anteil das Äußerliche in einer Beziehung einnimmt. Während Daniel mit den weiblichen Körpern der Praktikantin Doro (Martina Mikuta), der Putzfrau Gabi (Lena Härteis) und Bella (Katharina Waal) noch zurechtkommt, ist ihm die Annäherung des spießigen, CSU-begeisterten Politik-Redakteurs Helmut (Jonathan Grothaus) unangenehm.

Als Daniel einen Tag nicht in der Redaktion anwesend ist, muss sich Nicki im Körper des Fotografen Jules (Johanna Mehringer) mit ihrem schlechten Gewissen auseinandersetzen. Auf Initiative von Magnus und Bella hat sie Fotos einer im Koma liegenden Profi-Tennisspielerin gemacht, hat jedoch Skrupel, mit dem Schicksal dieser Frau Geld zu verdienen. Und hier schließt sich der Kreis: Als nämlich am Folgetag Daniel im Büro erscheint, wird klar, dass seine Nicki eben diese Tennisspielerin ist, die wieder aus dem Koma erwacht ist. Der Schluss deutet ein Happy End an, bleibt aber offen.

Schauspielerisch zeigten die ehemaligen Schüler/innen ein hohes Niveau, denn neben der eigentlichen Rolle, musste auch jeder Nicki darstellen können. Der brillante und mit Wortspielereien gespickte Text tat sein Übriges und brachte das Publikum häufig zum Schmunzeln und Lachen. Durch die Thematik der wechselnden Identitäten bekam das Stück gleichzeitig eine Tiefe, die in mancher Szene die Zuschauer zum Grübeln brachte. Das Publikum dankte dem Team den kurzweiligen Abend mit einem lang anhaltenden, tosenden Applaus. Die Gruppe „Obstsalat“ kündigte am Schluss des Stücks an, auch noch weiter machen zu wollen. Damit dürfen die Zuschauer auch im nächsten Jahr wieder auf ein Stück hoffen, das in den Köpfen noch nachwirkt.

Diana Schneider, MRG

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