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„Er ist mäusekacketot.“

MRG, 03.04.2014, 19.30 Uhr

„Geralds Tod“ – eine todernste Krimi-Komödie. Selbst der Autor ist sprachlos und beeindruckt!

Dass das Max-Reger-Gymnasium nicht nur bei musikalischen Veranstaltungen, sondern auch im Theaterspiel Maßstäbe zu setzen vermag, wurde wieder einmal mehr durch die Theatergruppe unter Leitung von Diana Schneider eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Schulleiter Oberstudiendirektor Wolters begrüßte das zahlreich erschienene kulturliebende Publikum und outete sich gleich als absoluter Krimiliebhaber, der aufgrund der Schulvorführung eine parallel stattfindende Veranstaltung absagte, weswegen seine Frau ohne ihren Gatten letztere besuchte. Und gleich vorweg gesagt: Er musste seine Entscheidung, dem Auftritt seiner Schüler beigewohnt zu haben, zu keiner Zeit bereuen; hatte vielleicht nachts zu Hause mehr zu erzählen!

Das Publikum wurde mit einem sehr makabren Stück – Mischform zwischen Komödie und absurder Farce – konfrontiert, das einerseits die Lachmuskeln aufs Äußerste strapazierte, andererseits durch ernsthafte Aspekte zum Nachdenken anregte. Im Zentrum des Krimis, so zumindest suggeriert es der Titel, steht, besser gesagt, liegt Gerald (Niclas Ciriacy-Wantrup 9b und Cornelia Schiml Q12) tot, umgebracht von seinen Eltern, den Hofbauers, da er sich zu einem schwierigen Kind entwickelt hatte, irgendwie unmotiviert mit dem Brotmesser im Rücken auf dem Boden des Wohnzimmers. Der Vater (Peter Weiser Q12), ein evangelischer Theologe mit äußerst fragwürdigen Moralvorstellungen, der nur religiöse Phrasen drischt und den Mord moralisch zu rechtfertigen versucht, und seine treu sorgende und betuliche Frau (Mona Sommerer Q12), die sich nicht entschließen kann, die Leiche aus dem Wohnzimmer zu entfernen, sind mehr auf den äußerlichen Schein und auf das familiären Idyll bedacht, als die eigentliche Tat zu reflektieren und betroffen zu sein angesichts der menschlichen Katastrophe. Denn der Mord als solcher steht fortan nicht im Vordergrund, gerät vielmehr zur absoluten Nebensache, so dass um Geralds Leiche sich nun groteske Szenen abspielen: Die recht eigenwillige garstige Oma (Melissa Renner (Q 12), die nach einem schweren Schicksalsschlag aufgehört hat zu sprechen und aufgrund der Ignoranz der Familie wieder mit dem Sprechen beginnt, sitzt im Rollstuhl, interessiert sich jedoch mehr für Zigaretten und Onkel Roberts Po als für ihren toten Enkel. Sodann zeigt die recht pubertär, keck und frech wirkende älteste Tochter Charlotte (Anna-Maria Horst Q11) wenig Interesse an Gerald, rennt leichtbekleidet im Haus herum und stört sich nur daran, wenn sich in ihrem eingefahrenen Leben etwas ändert, nicht aber an ihres Bruders Tod. Sie turtelt mit ihrem Freund Gunther (Alice Grohmann Q11), der ständig ans Essen denkt und auf seine erotisch wirkende Freundin fixiert ist. Die jüngste Tochter Beate (Dreher Nicole 10a) scheint fast die einzige in dieser Familie zu sein, die anfänglich den Tod ihres Bruder beweint. Sie ist süß, aber etwas begriffsstutzig, lässt sich daher schwierige Begriffe der Erwachsenen erklären, spielt aber mit ihrer Puppe oftmals auf ihrem toten Bruder, was wiederum die Mutter stört, ist jedoch tief getroffen und verstört, als ihr Goldfisch, der ebenfalls den Namen Gerald trägt, gerade verstirbt.

Auch die zahlreichen Besucher, vor allem Onkel Robert (Magdalena Schuth Q12), Tante Josefine (Franziska Gericke Q11) und ihr nasepopelnder Sohn namens Gerald (Lisa-Marie Brüning 9b) schenken der Tat und dem Toten kaum Beachtung, stören sich vielmehr an der fehlenden Ästhetik der Leiche. Onkel Robert, ein Mann klarer Worte und auf Spaß ausgerichtet, streitet mit Herrn Hofbauer in fast kindischer Weise um die Modelleisenbahn, während Josefine ihre Ehe als Belastung empfindet, die verwandtschaftlichen Beziehungen aber, so gut es eben geht, pflegt. Die übrigen Verwandten, Tante Madlaine (Franziska Niller Q11), Tante Mathilde (Milena Täschner Q11) und Tante Augustine (Judith Mischke 9b), die ihre individuellen Eigenheiten im besonderen Maße pflegen, besuchen die Hofbauers regelmäßig zu Kaffe, Kuchen und Tratsch, wobei die Oberflächlichkeit der Gespräche und des Benehmen mehr im Vordergrund steht als der tote Gerald.

Als Kontrast zu Hofbauers Wohnzimmer spielen die Zwischenszenen auf einer Parkbank, auf der Frau Frei (Catrin Schnupfhagn Q11), die Jugendliebe von Hofbauer, sich über absolute Nichtigkeiten und Nebensächlichkeiten mit Frau Fromm (Alexandra Koller Q11) unterhält, die eine große Neigung zur Esoterik besitzt und Visionen hat; gerade beim Sonnenuntergang ereignet sich ein Naturerlebnis der besonderen Art.

Erwartet der Zuschauer beim Eintreffen der Polizei mit Hauptkommissar Stauber (Selina Klatt 9c) und Assistent Wolters (Elisa Schuth) in Hofbauers Haus die Untersuchung der Tat und die Bestrafung der Täter, sieht er sich abermals enttäuscht, denn die Polizei scheint ebenfalls den Blick für das Wesentliche verloren zu haben, so dass der immer noch am Boden liegende tote Gerald zwar wahrgenommen wird, aber wegen der langsam einsetzenden Geruchsbelästigung und Zersetzung der Leiche als Umweltdelikt angesehen und der Fall abgegeben wird.

Wieder unter sich, merken die Hofbauers, dass auch ihre älteste Tochter sich nicht erwartungsgemäß und nach ihren doch recht fragwürdigen Vorstellungen entwickelt, so dass am Schluss dieser sehr schwarzen Komödie abermals die Mutter, das Brotmesser hinter dem Rücken versteckt, die Tochter zu sich ins Wohnzimmer ruft.
Anschließend fiel der Vorhang und das Publikum spendete den Darstellern den verdienten Applaus, der auch Manuel Holzschuh (9b) galt, der für die Bühne das Licht regelte und dem Stück dadurch die richtige Atmosphäre verliehen hat.

Theaterleiterin Diana Schneider wurde auch auf die Bühne geholt und mit frenetischem Applaus bedacht, bedankte sich ihrerseits bei ihren Schützlingen und überreichte diesen Rosen, musste aber auch weinenden Auges vier wichtige Stützen, namentlich Mona Sommerer, Peter Weiser, Melissa Renner und Magdalena Ruth verabschieden, da sie die Schule nach dem Abitur verlassen. Frau Schneider bekam von ihrer Theatergruppe nicht ganz ohne Hintersinn ein dem Stück angemessenes Geschenk, einen Messerblock, um evtl missliebige Personen …
Insgesamt bot das gesamte Ensemble ein von groteskem Wortwitz geprägtes großartiges Stück, das das Publikum durch die stimmige brillante Gesamtleistung überzeugte.

Winfried Sima

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