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Nachdenkliche und beeindruckende Büchnerei

Am 27.06.2012 öffnete sich der imposante Vorhang in der Aula des Erasmus-Gymnasiums für die „Büchnerei“ – einer originell inszenierten, ausdrucksstark gespielten und literarisch anspruchsvollen Hommage an Georg Büchner.

Der Kurs Dramatisches Gestalten präsentierte eine interessante Eigenproduktion, die nicht nur an den jung verstorbenen Dichter angesichts seines 175. Todestages erinnern wollte, sondern zugleich auch die Aufbereitung seiner Werke im Unterricht didaktisch hinterfragte: Beispielsweise versuchte der Autor (Katharina Häring) selbst zu erklären, was ihn bei seinen jeweiligen Büchern inspiriert hatte, oder aufgezogene Marionetten (Vera Kraus, Franziska Pfab, Julia Pfab) verdeutlichten die Determiniertheit des Menschen, begleitet von einem gruseligen, geisterhaften Klavierakkord.

Das Theaterstück enthielt u. a. Szenen aus dem „Hessischen Landboten“, der Erzählung „Lenz“ und vor allem aus Büchners berühmtesten Drama „Woyzeck“.

Durch die langsamere, abgehackte Sprechweise beim Vorlesen des Flugblattes „Der Hessische Landbote“ zeigte sich, wie schwer verständlich und revolutionär die sozialen Missstände damals von Büchner angeprangert worden sind. Die Erzählung Lenz bewegte den Gutachter Dr. Clarus (Francesca Weiß) und den von den Toten auferstandenen Büchner zu einer Kontroverse über die Frage der Selbst- bzw. Fremdbestimmung und der Sinnhaftigkeit literarischer Schaffenskraft.

Überwiegend stand jedoch das Drama „Woyzeck“ im Mittelpunkt der „Büchnerei“:  Modern inszeniert steigt der gleichnamige Hauptprotagonist später verunsichert, aber getrieben vom Harndrang aus einem Einkaufswagen. Der unsympathische Doktor (gespielt von Franzsika Hübner) echauffiert sich über Woyzecks Verhalten, da dadurch sein durchgeführtes Erbsenexperiment verfälscht wird. Die Hauptperson wurde grandios gespielt von Tobias Haller, der mit einer beeindruckenden Mimik die Rolle des vom Schicksal gezeichneten, unterdrückten und schikanierten Woyzeck überzeugend vermitteln konnte. Der Hauptmann (Anna-Lena Kuhn) offenbart in einem philosophischen Gespräch seine Dummheit, während Woyzeck ihn rasiert und nur mit einem gedrillten „Jawohl“ antworten kann. Die Großmutter erzählt unschuldigen Kindern (u. a. Annika Ebel, Carina Ehbauer, Noemi Pfeiffer,
Franziska Schißlbauer) ein nihilistisches und grausames Märchen, eine traurige Variante der grimmschen Sterntaler, und erfreut sich hämisch über das von ihr erzeugte Entsetzen – die Schülerin Vera Kraus imitierte begabt und ausdrucksstark die ältere „Omi“. Marie wird durch drei Personen im Stück verkörpert – ihr schlechtes Gewissen (Franziska Pfab), da sie den Vater ihres Kindes, ihren Geliebten betrogen hat, wechselt mit einer ihrer Attraktivität bewussten Variante ihrer selbst ab (Sandra Maget), um schließlich von einem eifersüchtigen Woyzeck erstochen zu werden (Antonia Gnan). Die durch verschiedene Schülerinnen dargestellten Stimmen seines Wahnsinns zeigen deutlich auf, dass Woyzeck ein Opfer der Umstände wird. Wenige, aber gut eingesetzte Requisiten unterstrichen den ernsten Charakter des Stücks.

OStD Brunner bedankt sich zu Recht bei den Schauspielern und bei der Spielleiterin Uta Löw für das nachdenklich und beeindruckend inszenierte Stück, das tatsächlich das eingeblendete Zitat von Kurt Tucholsky assoziieren ließ: „Theater ist bei Büchner, der ein Dramatiker war von Geburt, ein buntes erleuchtetes Loch, vor dem die Zuschauer mit weit aufgerissenen Augen sitzen.“

Sophie Zinnecker

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