Studio Rapsodyczne: „Romeo and …“

[außer der Reihe – nicht Teil der Schultheatertage, aber für Schultheatergruppen] Eine sprachlich, inhaltlich und schauspielerisch ungewöhnliche Theateraufführung fand am 07.05.2018 im Gerhardinger-Saal der Dr.-Johanna-Decker-Schulen statt: Englisch aus der Feder von William Shakespeare und Grzegorz Szlanga, polnisch aus der Originalfassung des Stücks, die im polnischen Chojnice entstand, und deutsch – als Brücke zum deutschen Publikum.

_DSC_8103_web_romeoEin faszinierendes Spiel mit dem berühmtesten Shakespeare-Stück und Workshops fürs Schultheater gab es vor kurzem in Amberg zu erleben. Beim Nationalen Theaterwettbewerb Polens und beim Internationalen Festival in Police wurde das Stück „Romeo and…“ mit Preisen ausgezeichnet.

Grzegorz Szlanga, der Leiter der polnischen Theatergruppe Studio Rapsodyczne, schickte der Vorstellung ein kurzes Vorwort voraus, in dem er das Stück theatertheoretisch einordnete. Er stellte fest, dass in Polen die Richtung des Dekonstruktivismus im Theater gerade eine bedeutende Rolle spiele – also die Methode, existierende Werke auseinanderzunehmen, um durch eine Neuinterpretation der Einzelteile und eine Veränderung des Blickwinkels eine neue Sicht auf das Gesamtwerk zu gewinnen.

So war Szlanga auch mit dem Ausgangspunkt dieses Abends verfahren: Shakespeares berühmte Tragödie „Romeo und Julia“ bildete den Hintergrund, auf dem sich die Szenencollage „Romeo and …“ entwickelte. In der kurzen, doch darstellerisch höchst intensiven Aufführung erhielten die Zuschauer einen neuen, tief gehenden Einblick in die Seele Romeos.

Am Anfang stand – wie in Shakespeares Original – ein reichlich unsympathischer _DSC_8118_web_romeo+flipchartRomeo: Eingebildet und oberflächlich, geradezu rücksichtslos im Umgang mit den jungen Frauen, deren Herzen dem gutaussehenden Jüngling aus gutem Hause nur so zufliegen. Diese schroffe, macho-hafte Seite Romeos verkörperte Dominik Gostomski ebenso überzeugend wie die Wandlung seiner Persönlichkeit, als ihn die wahre Liebe trifft.

Assistiert, ermahnt, gescholten und getröstet von seinem Bühnenpartner, dem Regisseur, Mentor, Priester, Vater, gespielt von Grzegorz Szlanga, wendet sich Romeo an einzelne Frauen im Publikum. Er spricht sie an und spielt mit dem Gedanken, sich in sie zu verlieben – skizziert auf einer Art Flipchart ein krudes Porträt, notiert Namen … bis er schließlich auf eine „Julia“ stößt – und sich sichtbar, fühlbar in sie verliebt. Die für das Publikum spürbare Sensibilität, mit der beide Darsteller auf die Situation und auf die bei der Einbeziehung von Zuschauerinnen unausweichlichen Überraschungen reagierten, ging unter die Haut, berührte und öffnete die Augen für die Gefühlswelt dieses Romeo.

_DSC_8132_web_romeo-gets-poisonAuch dieser Romeo verlangt schließlich nach einem Fläschchen Gift – doch nicht, um mittels eines Tricks zu überleben, sondern um seinem Leben aus Verzweiflung ein Ende zu setzen. Die ausdrucksstarke und glaubhafte Verkörperung des Romeo sowie die zwischen Spott, Ironie und Mitgefühl wandernde Haltung des älteren Partners lösten echte Bewunderung beim Publikum aus, und die Beifallsstürme waren offensichtlich ebenso ehrlich gemeint.

Die polnische Gruppe hatte den Weg nach Amberg gefunden, weil eine Lehrer- und Schülerinnengruppe des Decker-Gymnasiums vor sieben Jahren im Rahmen eines Comenius-Projekts in Chojnice gewesen war und dort Szlanga als Theaterworkshopleiter erlebt hatte. Der persönliche Kontakt zu Studiendirektor Peter Ringeisen war seitdem nicht abgerissen, und als Studio Rapsodyczne mit „Romeo and…“ nun zum Internationalen Theaterfestival in Donzdorf eingeladen wurde, lag Amberg gewissermaßen auf dem Weg.

Die Anwesenheit der Schauspiel-Profis wurde von einer Kooperation aus DJDG und GMG genutzt, um auch die Schülerinnen und Schüler der beteiligten Schulen profitieren zu lassen. Am Montag fanden zwei Workshops für Theaterspielerinnen am DJDG statt, am Dienstag zwei Workshops am GMG. Die Zusammenarbeit der jeweiligen Spielleiter, Claudia Ried und Christoph Schulz vom GMG und Peter Ringeisen vom DJDG, ermöglichte diese Theaterbegegnung der besonderen Art. Die Schülerinnen und Schüler beider Schulen waren begeistert von den je 90-minütigen Workshops, in denen es um die Grundlagen des Theaterspiels aus der Sicht der Profis ging: Was ist der Unterschied zwischen „so tun, als würde man etwas spielen“ und „etwas wirklich spielen“? Damit ging es schon mal los – und auf diese Kluft zwischen echt und unecht kam man im Laufe der Übungen immer wieder zu sprechen. Dass das Wesentliche ist, ein Gefühl erst einmal im Inneren zu spüren, bevor man spricht oder handelt, diesen Grundsatz hatten alle bald verinnerlicht – und Theaterschüler und -lehrer hoffen, dass der Kontakt zu Grzegorz Szlanga und seiner Truppe keine einmalige Sache bleibt, sondern in einem oder zwei Jahren fortgesetzt wird.

Peter Ringeisen, Spielleiter am DJDG

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