GMG (ehem.): „Du hast die Wahl“

Obstsalat auf der politischen Baustelle

[ehem. GMG, 28.04.2018] „Du hast die Wahl“ war der Titel einer gesellschaftskritischen Eigenproduktion der Amberger Jugend- Theatergruppe „Obstsalat“, bestehend aus ehemaligen Schülerinnen und Schülern des Gregor-Mendel-Gymnasiums, die nach wie vor begeistert einmal im Jahr ihrer gemeinsamen Leidenschaft nachgehen und dafür vollen Einsatz zeigen.  Einer von ihnen,  Jonathan Grothaus, welcher das „stille Wasser“ Richard eindringlich verkörperte, kam sogar extra aus Spanien angereist.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAufführungsort war der Club La Vida, ehemals Habana, Schauplatz war ein zweistöckiges Baugerüst, welches die „politische Baustelle“ der Wahlverdrossenheit eindrucksvoll in Szene setzte. Dreizehn zufällig ausgeloste Personen – quer durch die Bevölkerungsschichten – hatten die Aufgabe, in einer Art „Big Brother“-Situation die Beantwortung der Frage: „Wie können wir die Wahl für die Menschen wieder attraktiver gestalten?“ ein Wochenende lang konstruktiv zu bearbeiten. Als der Leiter der illustren Runde, Michael (Johanna Mehringer) schon bei der Vorstellungsrunde auf starken Widerstand stieß, konnte man erahnen, dass es noch zu so mancherlei Kontroversen unter den unfreiwilligen, sehr unterschiedlichen Teilnehmern kommen würde. Da wurde zunächst die strickende Hannelore (originell, Lena Härteis), die schon seit 40 Jahren die CSU wählt, mit der jungen, übermotivierten Annabelle (mitreißend dargestellt von Meike Pfeiffer) konfrontiert, die sich für eine Herabsetzung des Wahlalters stark machte und auch gleich noch ein Wahlrecht für Kinder einforderte. Damit konnte sie zumindest bei der alleinerziehenden Tessa (Sarah Hepp) punkten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGreenpeace-Mitglied Lucy (Antonia Schmidt mit typischem Öko-Touch) ging sogar noch einen Riesenschritt weiter und forderte ein Wahlrecht für des Menschen besten Freund, den Hund, ein. Nicht nur für den smarten und selbstgefälligen „BWLer“ Clemens (sehr spritzig wiedergegeben von David Pickel) war das aber eindeutig zu viel. Auch für die Lehrerin Gabriele Streit (sehr ausdrucksstark von Anna Liri-Shalsi), die ab dem Augenblick des Betretens der Bühne ihrem Namen alle Ehre machte und entschieden für eine härtere Gangart plädierte. Wer sich nicht an die Regeln hält und von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch macht, sollte bestraft werden. „Oder sollte man lieber diejenigen belohnen, die wählen? Mit einem Kinogutschein etwa?“, überlegte Ex-Knasti Jessica (herrlich abgebrüht, Alexandra Jehlicka). Dazu konnte die taffe Bloggerin Freya alias Franziska Neuser, nur abfällig das Näschen rümpfen.  Für sie war klar: „Big Brother is watching you, immer und überall!“ Und schuld an allem Übel waren ihrer Meinung nach  die Freimaurer, Lobbyisten und Firmenchefs. Außerdem regte sie einen  IQ-Test für alle Wähler an, um zu verhindern, dass Idioten zur Wahl gehen dürfen.  Und eine Altersbeschränkung, dann wären die lästigen Rentendiskussionen auch gleich aus der Welt geschafft. Das war dem mit Adiletten beschuhten und mit Trainingshose, Bierflasche und Zigaretten ausgestatteten Günther (fantastisch prollig gespielt von Constanze Gierl) zu hoch. Zielsicher brachte er das Publikum mit seinen flachen Sprüchen immer wieder zum Schmunzeln. Darin stand ihm der coole Murat, ausdrucksstark verkörpert von Barbara Winkler, in nichts nach und gemeinsam mit der großflächig tätowierten Ex-Knasti  Jessica  bedienten sie die gängigen Klischees von Arbeitssuchenden, Jugendlichen mit Migrationshintergrund und  Vorbestraften perfekt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Kontrast dazu mischten sich Hausmütterchen Heidi (sympathisch, Martina Mikuta) und die stets vermittelnde und mit einem Rosenkranz ausgerüstete Gemeindereferentin Petra (Katharina Waal) ins Geschehen ein. Aber zusammen beten und meditieren war auch keine Lösung: ein Ergebnis musste her! Sehr innovativ stellte die gesamte Truppe schließlich den Ideenfindungsprozess in Form einer ideenausspuckenden Maschine dar, inklusive Geräuschen und Bewegungen. Doch als der leicht überforderte Coach am Ende das Resultat einholen wollte, ergoss sich eine wahre Flut von 13 unterschiedlichen Monologen über ihn. Chaos! Allein der bis dahin verschwiegene Richard brachte es fertig, sich Gehör zu verschaffen und schärfte seinen Mitstreitern als oberstes Gebot der Demokratie ein, einander zuzuhören, andere wertzuschätzen und andere Meinungen zu akzeptieren. Dadurch aufgerüttelt schaffte es schließlich dieser Mix von Menschen aus den verschiedensten Lebensrealitäten, sich auf gemeinsame Änderungsvorschläge für zukünftige Wahlen zu einigen.

_web_01_Obstsalat-3078Doch sie konnten damit in Berlin nicht punkten, ihre Impulse wurden einfach abgeschmettert, das ganze Projekt abgeblasen. Das erregte nun endgültig den Unmut aller Beteiligten, allen voran ergriff der scheinbar doch nicht so einfältige Günther lauthals die Initiative und so kam die Idee auf, eine neue Partei zu gründen und das, mit dreizehn zufällig zusammen gewürfelten, an Politik überwiegend nur am Rande interessierten Personen. Letztendlich doch ein starkes Ergebnis der Aktion, welches auch in der eingespielten Radio-Meldung am Ende zu hören war, nämlich, dass zwei ihrer Forderungen in Berlin umgesetzt werden….mit viel Engagement, Esprit und Witz und nicht zuletzt mit vielen absolut passenden Queen-Musikeinlagen gelang es der erfahrenen Theatergruppe und ihrer engagierten Leiterin, Claudia Ried,  ein wichtiges und ernstes Thema humorvoll und kurzweilig auf die Bühne zu bringen.

 Susanna Rosemann, Spielleiterin/EG

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Eingeordnet unter Schultheatertage 2018

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