Monatsarchiv: Mai 2018

GMG: „Der Schöne und das Biest“ (Eigenproduktion)

Zickenterror am GMG

[GMG, 17.05.2018] Wer das Märchen Die Schöne und das Biest kennt, war bei der Aufführung der Mobbits unter der Leitung von Christine Kleinert wahrscheinlich erst mal überrascht. Aber halt – es war ja Der Schöne und Das Biest Lou, die genau so ist, wie man es sich zeitgemäß vorstellt – gemein, zynisch, ungerecht und immer auf den eigenen Vorteil bedacht (sehr überzeugend gespielt von Jessica Dering). Im Gegensatz dazu symbolisiert Der Schöne Lu (mit viel Spielfreude Lysan Reitemeyer) leider das typische Mobbingopfer. Neu in der Klasse und zufällig und zu seinem Nachteil mit dem fast identischen Spitznamen wie das Biest bestraft, dauert es nicht lange, bis er am eigenen Leib erfährt, was es bedeutet, den Unmut von Lou auf sich zu ziehen. Aber Lou ist nicht alleine, sie wird tatkräftig unterstützt von ihrer Mädchenclique (Michelle Sokolov und Melinda Kohl).

Obwohl Lu von den netten Mädchen der Klasse gewarnt wird (Fadim Yüksel, Amina Hajri, Toreen Rofi), macht ihm Lou bald das Leben zur Hölle. Diese hingegen, die selbst ihre Freundinnen schlecht behandelt, hat ihrerseits ganz andere Probleme, einen karrierebedachten Vater (Silvan Rupp) und eine stylische, aber auch sehr an Statussymbolen interessierte Mutter (Marleen Kollbrand), der die Größe ihres begehbaren Kleiderschranks wahrscheinlich wichtiger ist als das Wohl ihrer Tochter. Doch keiner kennt das wahre Ich von Lou.

Aber je schlechter sie Lu behandelt, ihn in Lebensgefahr bringt und in der Schule bloßstellt, umso mehr rücken ihre Mitschüler zusammen und beschließen, dass sie etwas ändern müssen. Ausschlaggebend ist die Beichte von Lous Freundin Lissi. Diese gibt zu, auf Lous Drängen gemeinsam mit ihr Ladendiebstahl begangen zu haben. Aus Angst, die Verkäuferin (Amelie Kny) könnte sie anzeigen, wenden sich die Schülerinnen schließlich an ihre Lehrerin (Emma Lederer), und schließlich kommt auch Lous Angst, mit ihren Eltern wieder umziehen zu müssen, ans Licht:  Lu ist derjenige, der sie im Wald findet, nachdem sie sich den Kopf angeschlagen hat. Während ihrer Ohnmacht hat sie sich selbst als nette und mitfühlende Prinzessin gesehen und Lu als den sie und das gesamte Königreich rettenden Prinzen. Lu, der allen Grund hätte, Lou seinerseits schlecht zu behandeln, kümmert sich um sie und berichtet den anderen von Lous Problemen. Die Lehrerin erkennt, dass Lou nicht bloßgestellt werden darf und schlägt ein gemeinsames Projekt aller Schüler vor – als Voraussetzung dafür, dass Lou nicht angezeigt wird. Sowohl Lou als auch die Verkäuferin lassen sich darauf ein, und die Tanzaufführung wird ein voller Erfolg.

Das Ende des Stücks bleibt offen, aber Lu, der in der Schlussszene den Arm um Lou legt, zeigt, dass der Plan der Lehrerin aufgegangen ist und es wohl ein Happy End gibt.

Der Schöne und das Biest, eine Eigenproduktion der Mobbits gemeinsam mit ihrer Spielleiterin Christine Kleinert, greift viele aktuelle Themen aus der Lebenswelt der Schüler auf – Mobbing, Diebstahl, Probleme mit den Eltern und in der Schule. Diese Schülernähe erkennt man, die Darsteller haben mit viel Freunde und Elan IHR Stück auf die Bühne gebracht und mit ihrer motivierten Spielweise auch kleine Texthänger gekonnt überspielt. Unterstützt wurden sie dabei vom Technik-Team des GMG. Und die Botschaft war klar erkennbar: nicht Aussehen oder Status sind wichtig, sondern der Zusammenhalt der Schüler.

Bianca Rauchenberger und Nina Kohl, Spielleiterinnen am MRG

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Studio Rapsodyczne: „Romeo and …“

[außer der Reihe – nicht Teil der Schultheatertage, aber für Schultheatergruppen] Eine sprachlich, inhaltlich und schauspielerisch ungewöhnliche Theateraufführung fand am 07.05.2018 im Gerhardinger-Saal der Dr.-Johanna-Decker-Schulen statt: Englisch aus der Feder von William Shakespeare und Grzegorz Szlanga, polnisch aus der Originalfassung des Stücks, die im polnischen Chojnice entstand, und deutsch – als Brücke zum deutschen Publikum.

_DSC_8103_web_romeoEin faszinierendes Spiel mit dem berühmtesten Shakespeare-Stück und Workshops fürs Schultheater gab es vor kurzem in Amberg zu erleben. Beim Nationalen Theaterwettbewerb Polens und beim Internationalen Festival in Police wurde das Stück „Romeo and…“ mit Preisen ausgezeichnet.

Grzegorz Szlanga, der Leiter der polnischen Theatergruppe Studio Rapsodyczne, schickte der Vorstellung ein kurzes Vorwort voraus, in dem er das Stück theatertheoretisch einordnete. Er stellte fest, dass in Polen die Richtung des Dekonstruktivismus im Theater gerade eine bedeutende Rolle spiele – also die Methode, existierende Werke auseinanderzunehmen, um durch eine Neuinterpretation der Einzelteile und eine Veränderung des Blickwinkels eine neue Sicht auf das Gesamtwerk zu gewinnen.

So war Szlanga auch mit dem Ausgangspunkt dieses Abends verfahren: Shakespeares berühmte Tragödie „Romeo und Julia“ bildete den Hintergrund, auf dem sich die Szenencollage „Romeo and …“ entwickelte. In der kurzen, doch darstellerisch höchst intensiven Aufführung erhielten die Zuschauer einen neuen, tief gehenden Einblick in die Seele Romeos.

Am Anfang stand – wie in Shakespeares Original – ein reichlich unsympathischer _DSC_8118_web_romeo+flipchartRomeo: Eingebildet und oberflächlich, geradezu rücksichtslos im Umgang mit den jungen Frauen, deren Herzen dem gutaussehenden Jüngling aus gutem Hause nur so zufliegen. Diese schroffe, macho-hafte Seite Romeos verkörperte Dominik Gostomski ebenso überzeugend wie die Wandlung seiner Persönlichkeit, als ihn die wahre Liebe trifft.

Assistiert, ermahnt, gescholten und getröstet von seinem Bühnenpartner, dem Regisseur, Mentor, Priester, Vater, gespielt von Grzegorz Szlanga, wendet sich Romeo an einzelne Frauen im Publikum. Er spricht sie an und spielt mit dem Gedanken, sich in sie zu verlieben – skizziert auf einer Art Flipchart ein krudes Porträt, notiert Namen … bis er schließlich auf eine „Julia“ stößt – und sich sichtbar, fühlbar in sie verliebt. Die für das Publikum spürbare Sensibilität, mit der beide Darsteller auf die Situation und auf die bei der Einbeziehung von Zuschauerinnen unausweichlichen Überraschungen reagierten, ging unter die Haut, berührte und öffnete die Augen für die Gefühlswelt dieses Romeo.

_DSC_8132_web_romeo-gets-poisonAuch dieser Romeo verlangt schließlich nach einem Fläschchen Gift – doch nicht, um mittels eines Tricks zu überleben, sondern um seinem Leben aus Verzweiflung ein Ende zu setzen. Die ausdrucksstarke und glaubhafte Verkörperung des Romeo sowie die zwischen Spott, Ironie und Mitgefühl wandernde Haltung des älteren Partners lösten echte Bewunderung beim Publikum aus, und die Beifallsstürme waren offensichtlich ebenso ehrlich gemeint.

Die polnische Gruppe hatte den Weg nach Amberg gefunden, weil eine Lehrer- und Schülerinnengruppe des Decker-Gymnasiums vor sieben Jahren im Rahmen eines Comenius-Projekts in Chojnice gewesen war und dort Szlanga als Theaterworkshopleiter erlebt hatte. Der persönliche Kontakt zu Studiendirektor Peter Ringeisen war seitdem nicht abgerissen, und als Studio Rapsodyczne mit „Romeo and…“ nun zum Internationalen Theaterfestival in Donzdorf eingeladen wurde, lag Amberg gewissermaßen auf dem Weg.

Die Anwesenheit der Schauspiel-Profis wurde von einer Kooperation aus DJDG und GMG genutzt, um auch die Schülerinnen und Schüler der beteiligten Schulen profitieren zu lassen. Am Montag fanden zwei Workshops für Theaterspielerinnen am DJDG statt, am Dienstag zwei Workshops am GMG. Die Zusammenarbeit der jeweiligen Spielleiter, Claudia Ried und Christoph Schulz vom GMG und Peter Ringeisen vom DJDG, ermöglichte diese Theaterbegegnung der besonderen Art. Die Schülerinnen und Schüler beider Schulen waren begeistert von den je 90-minütigen Workshops, in denen es um die Grundlagen des Theaterspiels aus der Sicht der Profis ging: Was ist der Unterschied zwischen „so tun, als würde man etwas spielen“ und „etwas wirklich spielen“? Damit ging es schon mal los – und auf diese Kluft zwischen echt und unecht kam man im Laufe der Übungen immer wieder zu sprechen. Dass das Wesentliche ist, ein Gefühl erst einmal im Inneren zu spüren, bevor man spricht oder handelt, diesen Grundsatz hatten alle bald verinnerlicht – und Theaterschüler und -lehrer hoffen, dass der Kontakt zu Grzegorz Szlanga und seiner Truppe keine einmalige Sache bleibt, sondern in einem oder zwei Jahren fortgesetzt wird.

Peter Ringeisen, Spielleiter am DJDG

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GMG (ehem.): „Du hast die Wahl“

Obstsalat auf der politischen Baustelle

[ehem. GMG, 28.04.2018] „Du hast die Wahl“ war der Titel einer gesellschaftskritischen Eigenproduktion der Amberger Jugend- Theatergruppe „Obstsalat“, bestehend aus ehemaligen Schülerinnen und Schülern des Gregor-Mendel-Gymnasiums, die nach wie vor begeistert einmal im Jahr ihrer gemeinsamen Leidenschaft nachgehen und dafür vollen Einsatz zeigen.  Einer von ihnen,  Jonathan Grothaus, welcher das „stille Wasser“ Richard eindringlich verkörperte, kam sogar extra aus Spanien angereist.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAufführungsort war der Club La Vida, ehemals Habana, Schauplatz war ein zweistöckiges Baugerüst, welches die „politische Baustelle“ der Wahlverdrossenheit eindrucksvoll in Szene setzte. Dreizehn zufällig ausgeloste Personen – quer durch die Bevölkerungsschichten – hatten die Aufgabe, in einer Art „Big Brother“-Situation die Beantwortung der Frage: „Wie können wir die Wahl für die Menschen wieder attraktiver gestalten?“ ein Wochenende lang konstruktiv zu bearbeiten. Als der Leiter der illustren Runde, Michael (Johanna Mehringer) schon bei der Vorstellungsrunde auf starken Widerstand stieß, konnte man erahnen, dass es noch zu so mancherlei Kontroversen unter den unfreiwilligen, sehr unterschiedlichen Teilnehmern kommen würde. Da wurde zunächst die strickende Hannelore (originell, Lena Härteis), die schon seit 40 Jahren die CSU wählt, mit der jungen, übermotivierten Annabelle (mitreißend dargestellt von Meike Pfeiffer) konfrontiert, die sich für eine Herabsetzung des Wahlalters stark machte und auch gleich noch ein Wahlrecht für Kinder einforderte. Damit konnte sie zumindest bei der alleinerziehenden Tessa (Sarah Hepp) punkten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGreenpeace-Mitglied Lucy (Antonia Schmidt mit typischem Öko-Touch) ging sogar noch einen Riesenschritt weiter und forderte ein Wahlrecht für des Menschen besten Freund, den Hund, ein. Nicht nur für den smarten und selbstgefälligen „BWLer“ Clemens (sehr spritzig wiedergegeben von David Pickel) war das aber eindeutig zu viel. Auch für die Lehrerin Gabriele Streit (sehr ausdrucksstark von Anna Liri-Shalsi), die ab dem Augenblick des Betretens der Bühne ihrem Namen alle Ehre machte und entschieden für eine härtere Gangart plädierte. Wer sich nicht an die Regeln hält und von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch macht, sollte bestraft werden. „Oder sollte man lieber diejenigen belohnen, die wählen? Mit einem Kinogutschein etwa?“, überlegte Ex-Knasti Jessica (herrlich abgebrüht, Alexandra Jehlicka). Dazu konnte die taffe Bloggerin Freya alias Franziska Neuser, nur abfällig das Näschen rümpfen.  Für sie war klar: „Big Brother is watching you, immer und überall!“ Und schuld an allem Übel waren ihrer Meinung nach  die Freimaurer, Lobbyisten und Firmenchefs. Außerdem regte sie einen  IQ-Test für alle Wähler an, um zu verhindern, dass Idioten zur Wahl gehen dürfen.  Und eine Altersbeschränkung, dann wären die lästigen Rentendiskussionen auch gleich aus der Welt geschafft. Das war dem mit Adiletten beschuhten und mit Trainingshose, Bierflasche und Zigaretten ausgestatteten Günther (fantastisch prollig gespielt von Constanze Gierl) zu hoch. Zielsicher brachte er das Publikum mit seinen flachen Sprüchen immer wieder zum Schmunzeln. Darin stand ihm der coole Murat, ausdrucksstark verkörpert von Barbara Winkler, in nichts nach und gemeinsam mit der großflächig tätowierten Ex-Knasti  Jessica  bedienten sie die gängigen Klischees von Arbeitssuchenden, Jugendlichen mit Migrationshintergrund und  Vorbestraften perfekt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Kontrast dazu mischten sich Hausmütterchen Heidi (sympathisch, Martina Mikuta) und die stets vermittelnde und mit einem Rosenkranz ausgerüstete Gemeindereferentin Petra (Katharina Waal) ins Geschehen ein. Aber zusammen beten und meditieren war auch keine Lösung: ein Ergebnis musste her! Sehr innovativ stellte die gesamte Truppe schließlich den Ideenfindungsprozess in Form einer ideenausspuckenden Maschine dar, inklusive Geräuschen und Bewegungen. Doch als der leicht überforderte Coach am Ende das Resultat einholen wollte, ergoss sich eine wahre Flut von 13 unterschiedlichen Monologen über ihn. Chaos! Allein der bis dahin verschwiegene Richard brachte es fertig, sich Gehör zu verschaffen und schärfte seinen Mitstreitern als oberstes Gebot der Demokratie ein, einander zuzuhören, andere wertzuschätzen und andere Meinungen zu akzeptieren. Dadurch aufgerüttelt schaffte es schließlich dieser Mix von Menschen aus den verschiedensten Lebensrealitäten, sich auf gemeinsame Änderungsvorschläge für zukünftige Wahlen zu einigen.

_web_01_Obstsalat-3078Doch sie konnten damit in Berlin nicht punkten, ihre Impulse wurden einfach abgeschmettert, das ganze Projekt abgeblasen. Das erregte nun endgültig den Unmut aller Beteiligten, allen voran ergriff der scheinbar doch nicht so einfältige Günther lauthals die Initiative und so kam die Idee auf, eine neue Partei zu gründen und das, mit dreizehn zufällig zusammen gewürfelten, an Politik überwiegend nur am Rande interessierten Personen. Letztendlich doch ein starkes Ergebnis der Aktion, welches auch in der eingespielten Radio-Meldung am Ende zu hören war, nämlich, dass zwei ihrer Forderungen in Berlin umgesetzt werden….mit viel Engagement, Esprit und Witz und nicht zuletzt mit vielen absolut passenden Queen-Musikeinlagen gelang es der erfahrenen Theatergruppe und ihrer engagierten Leiterin, Claudia Ried,  ein wichtiges und ernstes Thema humorvoll und kurzweilig auf die Bühne zu bringen.

 Susanna Rosemann, Spielleiterin/EG

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