Vor Gott sind alle Menschen gleich

[MRG, 30.03.2017] Wo fünf hübsche junge Frauen über einen Mr Darcy herziehen, da kann Jane Austen nicht weit sein. Am Max-Reger-Gymnasium ließ sich die ehrwürdige englische Autorin sogar persönlich blicken und führte das Publikum in Gestalt von Julia Wenkmann charmant und mit einem Augenzwinkern durch die Bühnenversion ihres romantischen Klassikers „Stolz und Vorurteil“.

Mr Bennet (Nathalie Hartung) ist vom Schicksal gestraft: Als Vater von fünf Töchtern fehlt ihm nicht nur ein männlicher Erbe, er muss sich auch noch mit einer hysterischen Ehefrau herumschlagen. Judith Mitschke spielt die egozentrische Mrs Bennett so spritzig und flott, dass man ihr unbedingt Erfolg bei ihrer Suche nach wohlhabenden Schwiegersöhnen wünscht. Ein Kandidat für ihre hübsche Älteste (Elisa Schuth) scheint in dem neuen Nachbarn Mr Bingey (Sophie Nibler) bald gefunden, doch ehe die beiden herzensguten Menschen zueinander finden, müssen noch einige Hindernisse überwunden werden.

Nicht zuletzt sorgt die schöne, aber recht laszive und sehr oberflächliche jüngste Tochter Lydia (Catarina Ferreira) für Wirbel, als sie Hals über Kopf mit dem Taugenichts Mr. Wickham (Fabian Gehring) durchbrennt. Ihre von Johanna Wiesner herrlich naiv und erfrischend fröhlich gespielte Schwester Kitty hatte trotz ihrer Nähe zu Lydia natürlich von all dem keine Ahnung. Während die Familie ihr Unglück kaum fassen kann, trumpft Tochter Mary (wunderbar altklug: Jana Zinnbauer) mit unerwünschten frommen Sprüchen auf.

Helfen kann in dieser heiklen Lage nur einer: Der von allen verhasste stolze Mr Darcy. Selina Klatt gelingt es ausgezeichnet, den abweisenden und doch ausgesprochen ehrenwerten Charakter des reichen Mr Darcys herauszustellen. In seiner anfangs erfolglosen Werbung um die kluge Lizzy Bennett bangt und hadert das Publikum mit ihm. Mit sehr viel Gefühl und Temperament stellt sich Lisa-Marie Brüning diesem komplizierten Mann entgegen. Während sie einerseits sein Verhalten zutiefst missbilligt, kann sie sich andererseits nicht einer intellektuellen und romantischen Anziehung zu ihm entziehen. Als sie schließlich begreift, wie sehr sie ihn verkannt hat, ist es beinahe zu spät.

Doch Jane Austen wäre nicht Jane Austen, würde sie ihre Helden nicht am Ende zu einem wundervollen Happy-End führen. Und dieses kann nicht einmal die von Nina Lehner wundervoll streng und selbstgerecht verkörperte Mrs de Bourgh verhindern, die Lizzy partout nicht an der Seite ihres Neffen, sondern ihn lieber mit ihrer eigenen Tochter (Laura Taller) verheiratet sehen will.

Sehr nahe an der Vorlage und dennoch mit vielen modernen Elementen zauberten die jungen Schauspieler der 9. bis 12. Jahrgangstufe ein kurzweiliges Stück auf die Bühne, das auch mit vielen liebenswerten Details überraschte. So war Niklas Ciriacy als Caroline Bingley im kleinen Schwarzen und Glitzerpumps ein absoluter Blickfang. Und der herrlich unsympathische und von sich selbst überaus überzeugte Mr Collins (Silas Klemm) erheiterte das Publikum mit seinem ausgesprochen witzigen Sprachfehler. Da verlor man fast schon das Mitgefühl mit Lizzys altjüngferlicher Freundin Charlotte (wunderbar pragmatisch: Lea Eckert), die sich schließlich als Mrs Collins wiederfindet.

Höhepunkte des Stücks waren vor allem auch die Auftritte der Bediensteten Jane. Luca Adams spielte die schnippische junge Frau mit der leicht vulgären und schlichten Sprache unglaublich überzeugend und amüsant. Ihre spitzbübischen Erkenntnisse wie „vor Gott sind alle Menschen gleich, aber man merkt es nicht so“ brachten einen Hauch Oscar Wilde in Jane Austens romantische Welt – und das Publikum regemäßig zum Schmunzeln.

Mehrere Tanzeinlagen, ein gefühlvoller Sologesang und aufwendig gestaltete Kulissen rundeten den von den Schulspielleiterinnen Bianca Rauchenberger und Nina Kohl inszenierten gelungenen Theaterabend ab. Jane Austen wäre stolz gewesen.

Claudia Ried, GMG

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Eingeordnet unter Schultheatertage 2017

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