Ustinovs „Halb auf dem Baum“

… initiiert durch Elisabeth Bremer, gekürzt und adaptiert von Peter Seidl, aufgeführt von der Schulspielgruppe Oberstufe im Erasmus-Gymnasium

[EG, 13.04.2016]   Samstag, 8. April 1967 im Hause der Familie Fitzbutress in Fleet, einer anglikanischen, sehr wohlhabenden Gegend von England. Ein Tisch mit stilvoller Teekanne, Teetasse und ein Kalender ist zu sehen.

Vater und halbwüchsiger Sohn stehen sich gegenüber, zum ersten Mal seit vier Jahren, in denen der Vater als General ehrenvoll seinem Land gedient hat.

„Du bist…gewachsen?!“ Mehr der Worte sind ihm unmöglich – alle weiteren Umstände, die sich in seiner Abwesenheit verändert haben, rauben ihm sichtlich den Atem (überzeugend auf die Bühne gebracht von Lukas Jakob):

Sohn Robert ist nicht nur gewachsen, sondern hat die Schule geschmissen und lebt auf Pump, wie es sich für einen langhaarigen Hippie-Rebellen gehört (im knallig-lila-orange-grünen Bellbottom-Flowerpower-Outfit Luca Baumgärtner). Auch dass er seine nächtlichen Partnerinnen bei Tag nicht unterscheiden kann, gehört zum guten Ton dieser „jungen Generation, der die Welt gehört“.

Die Tochter Judy (naiv- rebellisch gespielt von Lena Czarnec) ist schwanger, aber nicht etwa verheiratet oder verlobt, sondern verkracht mit all jenen, die als Vater in Frage kommen könnten.

Fitzbutress nimmt all das in „General-Manier“ mit fassungsloser Fassung zur Kenntnis.

Er ahnt bis zu diesem Zeitpunkt nicht, nicht dass seine – in jeder Situation die englische Contenance wahrende- Frau Lady Doris (ruhig und zurückhaltend Johanna Scheuck) in seiner Abwesenheit regelmäßig nächtlichen Besuch erhielt, ausgerechnet vom langjährigen Freund der Familie, Brigadegeneral „Tiny“(Timo Schmid).

Dieser pflegte durch das Schlafzimmerfenster zu kommen ( welches als Requisit sogar auf der Bühne zu sehen war).

Fitzbutress reagiert auf all diese „Aktualisierungen“ auf überraschende Weise: Er toppt den ganzen Zirkus und steigt aus- bzw. auf einen Baum, den er zu seinem neuen Zuhause erklärt, trägt ab sofort Patchwork-Pumphosen samt grob gestrickter Leinen- Decke als Oberbekleidung, die Gitarre unterm Arm, umgeben von einer Wolke Pferdedung und geht selbstverständlich barfuß.

Das-“zugegebener Maßen sehr sehr hübsche“ – norwegische Au-pair-Mädchen Helga (stark in ihrer Rolle: Helena Wesnitzer), bietet ihm trotz oder gerade wegen dieses Aufzugs unverhohlen seine Liebesdienste an, die er ablehnt, allerdings mit einem Tick Verzögerung, was ihm einen empörten Aufschrei seiner Ehefrau einbringt.

Spätestens an dieser Stelle wird ihm die ganze Absurdität seines Daseins vor Augen geführt: Jahrelang hatte er versucht, ein Vorbild abzugeben und das in seinen Augen Richtige zu tun: „Gelächelt, damit niemand merkt, wie sehr ihm das alles (und besonders seine Frau) auf die Nerven geht“.

Mit dem einzigen Resultat, dass er im eigenen Haus zutiefst gekränkt wurde von seiner „verwirrten, bitteren und misstrauisch gewordenen Familie“. Nun, da er aus allen Konventionen ausbricht und sich im Grunde den Wünschen der “neuen wilden Generation“ fügt, stößt er auf noch größere Missbilligung, gar Entsetzen über seinen Sinneswandel.

Nach weiteren hintersinnigen Beleidigungen, Missverständnissen und überraschenden Wendungen (Fitzbutress bekennt das Wissen darüber, dass Robert gar nicht sein leiblicher Sohn sein kann, aber auchTiny fällt als potenzieller Vater aus, da sie gemeinsam ab dem elften Monat vor der Geburt an der Front standen) gibt es

schließlich eine Art „Happy-End“ der Geschichte: eine Doppelhochzeit der Kinder, die nun doch den Wert einer gutbürgerlichen Familie zu schätzen gelernt haben (Dominik Wirsching als Judys auserwählter Kindsvater sowie Robert und Au pair Helga, die nach einem nächtlichen Stelldichein ebenfalls schwanger wurde).

Der Vikar (Julian Prechtl), der als eine Art bibelfester Moderator durch die Akte führte, beschwichtigt erhaben die erhitzten Gemüter: „Tut das, was man bei einer Hochzeit tut: Lächeln!“

Das Stück zeigte mit oftmals bissiger Situationskomik und hintergründigem Humor, dass der Lebensstil, gleich in welcher Form, eben keinen ganzen Menschen macht und Erfüllung etwas mit Authentizität zu tun hat, oder wie es Fitzbutress ausdrückt: “Ich war eben auch nur halb auf dem Baum“.

Trotz großer Probleme und Verzögerungen in der Probenphase wurde dieses Stück mit Stil und Liebe zum Detail auf die Bühne gebracht, getragen von spürbarer Spielfreude und gelungener Zusammenarbeit zwischen den jungen Protagonisten, dem Regie- und Technikteam (Nina Mc Allister, Timon Kleierl, Maximilian Kreuzer, Bastian Pfab und Sebastian Kistenpfennig). Regisseur Peter Seidl hatte gekonnt Kürzungen vorgenommen, was dem Zuschauer einen kurzweiligen und tiefsinnigen Abend bereitete.

Christine Kleinert

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Eingeordnet unter Schultheatertage 2016

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